Über die vermeintliche Gefährlichkeit des MMA-Sports

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Über die vermeintliche Gefährlichkeit des MMA-Sports

Von Remo Kelm

Seit jeher hat MMA mit Vorurteilen zu kämpfen, was die Gefährlichkeit des Sports anbetrifft. Immer und immer wieder müssen sich der Sport und deren Vertreter mit Anfeindungen, Reglementierungen und Verboten auseinander setzen, die auf schierer Unwissenheit basieren. Gerne wird der Sport als brutal, verrohend und menschenverachtend dargestellt und mit der Blutrünstigkeit früherer Gladiatorenkämpfe gleichgesetzt. Wenn Menschen ignorant und unreflektiert einstimmen in stupide und unqualifizierte „MMA-ist-doof“-Parolen und den Sport auf einer Basis aburteilen wollen, die jeden fundierten Grundlagen entbehrt, ist Schluss mit lustig.

Natürlich ist diese Vorgehensweise überaus einfach. Schließlich muss man sich keine Gedanken machen und sich womöglich auch noch mit dem Sport beschäftigen oder gar eine Veranstaltung ansehen. Dennoch kann als allgemeingültige Regel festgehalten werden, dass eine umfangreiche Recherche über eine Angelegenheit, die beurteilt werden soll, in keinem Fall schaden kann. Zusammengeschnittene, ausgewählte Szenen bei Youtube, die Vorfälle von vor mehr als 20 Jahren wiedergeben, können wohl kaum als Basis dienen.  

Zugegebenermaßen muss man konstatieren, dass die Anfangszeiten des MMA auch nicht ganz unschuldig an diesem mittlerweile verzerrten Bild waren. Wenn man sich an den ersten UFC-Kampf erinnert, kann die Szene, in der Gerard Gordeau dem am Boden knienden Teila Tuli mit dem Spann ins Gesicht tritt, schon sehr befremdlich wirken. Der Sport hat sich seitdem allerdings rasant entwickelt und entsprechend verändert. Szenen wie diese würde es unter dem heutigen Regelwerk nicht mehr geben. Wenn man sich eingehend mit der Materie auseinandersetzt, setzt sich ohnehin ein völlig anderes Bild zusammen als das von der regellosen Schlägerei.

 

                Bild einer Hirnblutung

MMA wirklich so gefährlich?

Schauen wir uns also die tatsächliche Gefährlichkeit einmal an. Zunächst mal müssen wir dafür die Zielsetzung eines MMA-Kampfes mit der eines anderen Kampfsportes vergleichen. Nehmen wir Boxen, eine anerkannte, olympische Sportart. Viele Promis betrachten Boxen als schick. Schauspieler tummeln sich an Boxringen ebenso wie Sänger und andere prominente Personen. Sehen und gesehen werden. Boxen ist gesellschaftlich anerkannt und genießt einen hohen Popularitätsgrad. Beim Boxen jedoch gibt es einige Faktoren, die diesen Sport potentiell gefährlicher machen als MMA. Zum einen konzentrieren sich die Angriffe zu einem überwältigend großen Teil auf den Kopf des Gegners. Außer dem Oberkörper gibt es keine alternativen Ziele. Beim MMA hingegen sind die Angriffsmöglichkeiten erheblich vielfältiger, weshalb Schläge zum Kopf und Knockouts die daraus resultieren, natürlich sehr viel seltener vorkommen. Ein großer Teil der MMA-Kämpfe endet somit in vergleichsweise harmlosen Aufgabegriffen. Chokes, Arm- oder Beinhebel sind ein überaus häufiges Mittel zum Beenden eines Kampfes. Die Gefahr, bei einer solchen Aktion eine Verletzung an den Knochen und Gelenken zu erleiden, ist zweifellos gegeben, wenn man zu spät abklopft und dem Gegner dadurch seine Aufgabe signalisiert. Selbst das kommt jedoch nur sehr selten vor, da der Kampf zumeist bereits vorher durch eben dieses Tappen des Gegners abgebrochen wird. Sollte ein Gegner im MMA dennoch einen Knockdown in Folge eines Schlages oder Trittes erleiden und ist dadurch nicht in der Lage, sich effektiv zu verteidigen, wird der Kampf vom Referee umgehend abgebrochen und auch nicht wieder erneut aufgenommen, wie beispielsweise beim Boxen.

                                                                      Boxen im Vergleich mit MMA

Wenn ein Boxer niedergeschlagen wird, kann er dadurch bereits eine Gehirnerschütterung erlitten haben. Wenn er es allerdings schafft, rechtzeitig wieder auf die Beine zu kommen, bevor der Ringrichter bis 10 gezählt hat, wird der Boxer samt seiner Gehirnerschütterung erneut den Angriffen seines Gegners zum Kopf ausgesetzt, bis er wieder niedergeschlagen wird. Er geht zu Boden, steht bis 10 wieder auf seinen Beinen und das gleiche Spielchen beginnt von vorne. Dieses Prozedere kann sich mehrmals wiederholen und sorgt dafür, dass ein womöglich bereits in Mitleidenschaft gezogenes Gehirn weiteren, teils irreparablen Schaden nimmt. Ein weiterer, ganz entscheidender Faktor ist die Beschaffenheit des Bodens. Mehrere Studien haben mittlerweile festgestellt, dass es der unkontrollierte Aufprall des Hinterkopfes bei einem Knockdown auf den harten Boxringboden ist, der die größten Hirnverletzungen hervorruft. Durch die Tatsache, dass beim MMA Bodenkampfsportarten wie Ringen, Brazilian Jiu Jitsu, Judo, Sambo und andere benutzt werden und ein nicht unerheblicher Teil des Kampfes daher auf dem Boden stattfindet, ist dieser in einem MMA-Käfig wesentlich weicher gepolstert und ähnelt eher einer etwas härteren Matte, wohingegen die Polsterung in einem Boxring wesentlich härter ausfällt. Wenn man sich nun vor Augen hält, wie ein Boxer, der durch einen harten Schlag für ein oder zwei Sekunden bewusstlos geschlagen wird und dadurch mit dem Hinterkopf unkontrolliert auf den harten Ringboden prallt, dem Trommelfeuer des Gegners erneut ausgesetzt wird, können diverse Statistiken über Todesfälle wohl kaum verwundern.

Todesfälle

Diese nämlich sprechen eine deutliche Sprache. Während man nämlich die Todesfälle in sanktionierten MMA-Kämpfen quasi an einer Hand abzählen kann, starben wesentlich mehr Athleten in einem Boxring. Allein in den Jahren 1950-2007 wurden nicht weniger als 339 tödliche Verletzungen in einem Boxring gezählt. Natürlich ist MMA ein noch recht junger Sport, doch selbst, wenn man den Zeitraum seit dem ersten UFC-Kampf als Grundlage heranzieht, hätten wir eine Handvoll Todesfälle in einem Zeitfenster von 24 Jahren. Diese stehen besagten 339 toten Boxern in 57 Jahren gegenüber. In einem etwas mehr als doppelt so langen Zeitraum war die Anzahl der Todesfälle 69 mal (!!!) so hoch. Diese signifikant höhere Zahl kann kaum noch mit dem Umstand erklärt werden, dass es wesentlich mehr Boxer als MMA`ler gibt. Wie kann es also sein, dass MMA dennoch immer wieder als überdurchschnittlich gefährlich eingestuft wird, wenn selbst Cheerleading und Springreiten weitaus öfter schwere oder gar tödliche Verletzungen zu beklagen hat?

Der Fall Tim Hague

Tim Hague (rote Hose)

Befeuert werden Diskussionen dieser Art durch den nach wie vor sehr präsenten Todesfalls des ehemaligen UFC-Kämpfers Tim Hague, der in 10 Jahren und 34 MMA-Kämpfen keine ernsthaften Verletzungen davontrug, in seinem vierten Kampf als Profiboxer jedoch tödliche Kopfverletzungen erlitt. In betreffendem Kampf zeigte sich wieder das typische Muster des mehrmals niedergeschlagenen Boxers, der ein ums anderen Mal wieder auf die Beine gestellt wird, um sich wieder und wieder den Angriffen seines Gegners zum Kopf zu erwehren.

 

Fazit:

Während das Spektrum der unterschiedlichen leichten Verletzungen im MMA durch die Vielfältigkeit des Sports freilich größer ist, gehen die schweren und tödlichen Verletzungen ganz klar auf das Konto des Boxsports. Der Vergleich mit dem Boxen soll kein Plädoyer für oder gegen eine bestimmte Sportart sein. Es soll lediglich aufzeigen, dass oftmals mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn es um Mixed Martial Arts geht. Die Stigmatisierung des MMA-Sports als gewaltverherrlichender, verrohender und blutrünstiger Sport muss endlich ein Ende haben. Sie basiert auf Unwissenheit und Ressentiments, denen es an jeglicher fundierter Grundlage fehlt. Tatsache ist, dass das in der öffentlichen Wahrnehmung durchaus anerkannte Boxen ein sehr viel höheres Risiko birgt, schwere oder gar tödliche Verletzungen zu erleiden. Wie im Übrigen auch Motorsport, American Football, Mountainbiking, Skiabfahrt und sogar Cheerleading. Wer würde nun auf die Idee kommen, nach einem Verbot von Cheerleading zu schreien? Richtig, keiner! Also, so befremdlich MMA für ein ungeschultes Auge auch wirken mag, die Verteufelung dieses Sports steht nach wie vor in keinem Verhältnis zur Realität.