Superman Roy Jones Jr.: Das Ende eines großen Mythos

UFC 245 am Sonntag

Roy Jones Jr. und die verpassten Ausfahrten

“Mein Gott, wie kann einer so gut sein?“, diese Frage stellte ich mir immer und immer wieder, als ich in den 90er Jahren erstmals Roy Jones Jr. boxen sah. Er hatte wirklich das Zeug, einer der größten Boxer aller Zeiten zu werden, vielleicht sogar ein zweiter Muhammad Ali. Seine Geschwindigkeit, diese wahnsinnige Dynamik und diese unfassbare Technik. Er war ein boxender Halbgott, ein Phänomen und ein Idol für so viele nach ihm kommende Boxer in aller Welt. Von den USA über Deutschland bis hin nach Australien, überall sprach man von der Box-Sensation aus den USA.

“Mein Gott, wie kann einer so gut sein?“

Doch Jones Jr. verpasste den richtigen Moment aufzuhören und demontierte nach einer Niederlage 2004 gegen Antonio Tarver einen echten Mythos. Zwar folgten noch einige große Kämpfe, aber da hatte er schon zuviel an Qualität eingebüßt, anders als ein Gennady Golovkin, der selbst im hohen Alter noch gute Leistungen zeigte, aber dessen Stern im Moment auch zu sinken beginnt. Doch das ist eine andere Geschichte.

Verpasste Ausfahrt

Manche meinen, dass der Fehler von “Superman RJ“, wie Jones Jr. auch genannt wurde, der Wechsel ins Schwergewicht war, der ihm einfach zu viele Körner kostete. Tatsächlich passt es paradoxerweise auch in die Zeit seines Abstieges, als er 2003 gegen John Ruiz, einem der vielleicht schwächsten Schwergewichtsweltmeister der letzten 30 Jahre, haushoch nach Punkten den Weltmeistertitel im Schwergewicht gewann. Jones ließ Ruiz in dem Kampf ganz alt aussehen und die Fans wurde einmal mehr in ihrer Meinung bestätigt, dass er der größte Boxer zu jener Zeit war. Eigentlich wollte Jones seine Karriere im Anschluss nach einem Duell gegen Mike Tyson beenden, aber zu diesem Aufeinandertreffen sollte es leider nie kommen. Damit verpasste einer der größten Boxer der Weltgeschichte auch eine von vielen Ausfahrten, um auf dem Höhepunkt seines Zenits aufzuhören.  

Als er dann im Jahr 2003, einige Monate nach seinem Titelgewinn im Schwergewicht, gegen den zuvor schon genannten Weltmeister Antonio Tarver wieder ins Halbschwergewicht zurückwechselte, um erneut in seiner angestammten Gewichtsklasse den Titel zu gewinnen, war nichts mehr, wie es einmal war. Er musste für den Kampf die vielen Kilos, die er sich fürs Schwergewicht angefuttert hatte, wird runtertrainieren. Fachleute bewerteten dies als einen unklugen Plan und sie sollten, auch wenn nicht sofort, recht behalten.

Sieg und Niederlage nach Rückkehr

Jones schrieb am 8. November 2003 zuerst noch ein weiteres Mal Geschichte, als er die Halbschwergewichts-Weltmeisterschaft nach den Versionen der WBC, WBA und der unbedeutenden IBO gewann. Allerdings war das Urteil mehr als umstritten und so sollte es 2014 zum zweiten Aufeinandertreffen zwischen Jones und Tarver kommen, einem Kampf, der, wie man heute weiß, ein weiterer Fehler von Jones war. 

Zerstörung eines Mythos

Am 15. Mai 2004 kam es so zum Rückkampf zwischen Jones und Tarver und zur Zerstörung eines Mythos‘.  Tarver gewann gegen den bis dahin als unbesiegbar geltenden Jones überraschend durch KO in der zweiten Runde und holte sich die Titel wieder zurück. Danach ging es mit Jones stätig bergab. Die Niederlage war ein Wendepunkt im Leben des einst so fantastischen Boxers, der 1969 in Pensacola/ Florida geboren wurde. Er wirkte in vielen Kämpfen danach ausgelaugt, als hätte jemand in ihm den Stecker raus gezogen oder als hätte er dem Teufel für die vielen Erfolge in früheren Jahren seine Seele verkauft. Nur noch ein Abbild von ihm stand bis  zuletzt im Jahr 2018 im Ring.

Jones gewann auch immer wieder Kämpfe gegen zweitklassige Gegner und sein aktueller Kampfrekord von 66 zu 9 Siegen ist immer noch überragend. Und heute noch erzählen sich die Leute viele tolle Geschichten über den früheren Superstar, als er in der 1990er Jahren überirdische Leistungen zeigte. Aber gerade viele seiner Hardcore-Fans verschließen bis heute noch die Augen vor seinem späteren Abstieg. Sie wollen es nicht wahrhaben, dass Jones Jr. seinen Mythos selbst zerstörte, nicht mit der Niederlage gegen Tarver, sondern weil er danach nicht die Boxhandschuhe an den Nagel hängen wollte und bis zuletzt einem Traum aus längst vergangene Zeiten herjagte. 

Verbissen und verheizt

Trotzdem sollte man große Ehrfurcht vor diesem Mann haben, weil er nie aufgab und seinen Wechsel ins Schwergewicht und die Rückkehr ins Halbschwergewicht teuer bezahlen musste. Es ist ein allzu menschlicher Fehler, sein Maß nicht zu kennen und vielleicht ein noch größerer Fehler eines raffgierigen und schlechten Managements, die ihn ein Stück weit verheizt haben, denn mit Roy Jones Jr. konnte man sehr viel Geld verdienen. Aber gute Freunde und ein noch besseres Management hätten ihm schon vor 15 Jahren reinen Wein einschenken müssen, statt ihm Honig um den Mund zu schmieren. 

Leider gibt es auch keine schützende Weltbehörde, die einstigen Legenden wieder auf die Beine hilft und dafür sorgt, dass der Ruhm vieler toller Boxer auch zu Lebzeiten gewahrt wird – ein schöner Traum, oder? 

Es kam einem natürlich wie ein böser Alptraum vor, wenn man den einstigen Superman Roy Jones Jr. in den letzten Jahren noch im Ring sah und mit jedem Schlag den er kassierte, einem das Herz blutete und man leise zu sich sprach: „Hey Roy, es war schon 2004 Zeit für dich zurückzutreten, verpass jetzt wenigstens nicht die allerletzte Ausfahrt“.

 

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Text: Attila