Legende Bas Rutten schreibt über alte Zeiten, Kampfbörsen und McGregor

"EL GUAPO" schreibt für German Fight News

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UFC-Hall of Famer Bas Rutten über MMA, Kämpfer-Einnahmen und McGregor vs Mayweather. Exklusiv auf GFN!

Mit Stolz dürfen wir euch einen exklusiv für GFN geschriebenen Gastbeitrag von dem Mann präsentieren, der MMA geprägt hat wie kaum ein anderer, einer wahren Mixed Martial Arts-Legende und einem der Pioniere des Sports. Niemand geringerer als Mr. Livershot himself, „El Guapo“ Bas Rutten.

Legende  „El Guapo“ schreibt über alte Zeiten, Kampfbörsen und McGregor

Von Bas Rutten

Was für ein Erlebnis das für mich war! Ich begann mit MMA in Japan im September 1993 – damals wurde es noch „Free Fighting“ genannt.

Ich hatte keine Ahnung von den Regeln, ich wusste, dass es sich um Pancrase handelte, also Schläge mit der offenen Hand zum Kopf erlaubt waren und mit der geschlossenen Faust zum Körper, und dass ich Schuhe und Schienbeinschützer tragen würde. Ich wusste nicht, wie viele Runden wir zu kämpfen hatten und wie viele Minuten, außerdem fragte ich mich, ob es ein „Weigh in“ geben würde.

Nun, ich habe erst am Tag des Kampfes herausgefunden, dass es keine Gewichtsklassen gab. Ich sah meinen Gegner, der etwa 110 kg hatte und fragte: „Ist er nicht viel schwerer als ich?“ (Ich hatte ungefähr 95 kg). Und ihre Antwort lautete: „Oh, wir haben keine Gewichtsklassen, jeder kämpft gegen jeden.“ Ok, ich sagte „Gut“ (ich tat so, als würde mir das nichts ausmachen) und dann fragte ich: „Wie viele Runden kämpfen wir?“ Sie sagten: „Eine Runde“. Ich war glücklich, nur eine Runde, also fragte ich: „Wie viele Minuten?“ Sie sagten: “30 Minuten”. Und wieder sagte ich: “Großartig. Ich bin super in Form, also lasst es uns angehen”, gedacht habe ich aber natürlich auch hier was völlig anderes und als der Typ weg war fragte ich meinen Manager: „Was zum Teufel machen wir hier? 30 Minuten kämpfen und er ist 15 kg schwerer als ich? Bist du verrückt?“

Aber es ging alles gut, Ich knockte ihn nach 43 Sekunden aus. Meine verrückteste Erfahrung überhaupt, die Fans flippten aus und stürmten auf mich ein (auf gute Weise). Ein Paar hatte ein Baby und sie legten es mir in die Arme und machten ein Foto (das Baby von damals ist jetzt 24 Jahre alt, wie seltsam ist das denn?). Am nächsten Tag grüßten mich die Leute auf der Straße, was ich schon irgendwie merkwürdig fand, und dann sah ich in einer Zeitung ein Bild von mir im Ring, wie ich im Spagat in der Luft hing und mein Gegner am Boden lag. „Aha, jetzt weiß ich, warum die Leute mich kennen“, dachte ich.

Und so hat alles angefangen.

Jetzt war ich ein Striker praktisch ohne Bodenerfahrung und ich gewann meinen nächsten Kampf wieder durch KO, aber beim dritten hatten sie bereits herausgefunden, dass sie lieber nicht mit mir im Stand kämpfen wollten, also brachten sie mich zu Boden und ich erlitt meine erste Niederlage im MMA durch einen „Toe hold“, einen Griff, den ich nicht einmal kannte. Ich wusste nur, dass es sehr weh tat, während ich mich in ihm befand. Trotzdem hatte ich keine Ahnung. Danach gewann ich wieder drei Kämpfe, dann verlor ich wieder, gewann, verlor, gewann und dann ich verlor ich erneut gegen Ken Shamrock.

Arbeiten an Submissions

Ich dachte: „OK, wenn ich hier Champion werden will, muss ich mich wirklich auf den Bodenkampf fokussieren“, aber ich hatte niemanden, um zu trainieren. Ich ging zwar nach Amsterdam, um mit Chris Dolman zu arbeiten, aber das war zwei Stunden von meinem Wohnort entfernt und an manchen Tagen waren nur ein paar Kerle dort. Also habe ich angefangen, jeden zu fragen, ob er mit mir üben würde und ich fand einen, Leon van Dijk. Ein großartiger Striker, sehr stark, ein toller Sportler. Wir begannen mit dem Bodenkampf zweimal, manchmal dreimal am Tag.

Wir wollten Kämpfe und Lehrvideos anschauen und begannen, die Submissions umzusetzen, die wir dort gesehen hatten. Aber dann verfeinerten wir die Moves, zumindest machten wir sie für uns passender. Wir arbeiteten beispielsweise an einem Leg Lock: „Ok, wie fühlt sich das an? Gut? Wie kannst du da herauskommen?“. Mein Kumpel versuchte, sich da herauszuwinden und wenn es ihm gelang, schauten wir, wie wir das verhindern konnten und fanden Gegengriffe dazu in unterschiedlichen Positionen. Wir wurden regelrecht besessen davon.

Mein ganzes Haus war voll von „Post it“ Notizen mit Kombinationen darauf, ich weckte sogar meine Frau mitten in der Nacht, weil ich von einer Submission träumte und sie dann an ihr ausprobierte, fragte, wo es weh tat, alles aufschrieb und es am nächsten Tag im Training versuchte. Meine arme Frau, haha, aber sie ist immer noch bei mir, seit mittlerweile 25 Jahren! Es funktionierte, ich gewann meine nächsten 8 Kämpfe durch Submissions (eine durch DEC, aber ich hatte ihn am Boden unter Kontrolle) Tatsächlich habe ich danach in all meinen letzten 22 Kämpfen nie wieder verloren.

Ich sage meinen Schülern immer, dass, wenn ich es kann, sie es auch können, denn ich bin nicht besser als sie, es geht nur darum, eine Menge Arbeit reinzustecken, aber wie sie an den Ergebnissen sehen können, hat es sich gelohnt.

Der Matchmaker John Perretti von der UFC kam nach Japan, denn sie hatten von mir gehört seit ich einige Typen von der UFC in Japan besiegt hatte und er war da, um mich kämpfen zu sehen. Nach dem Kampf fragte er mich, ob ich zur UFC kommen und dort kämpfen wollte. Es klang nach einer tollen Gelegenheit, also sagte ich JA.

Und dort wurde ich der UFC-Schwergewichts-Champion.

Der Grund, warum alles für mich glatt lief, war, dass viele Kämpfer damals sich lediglich auf ein oder zwei Kampfsportarten konzentrierten, wie Ringen und Kickboxen oder Ringen und Submissions. Aber da ich bei den Submissions gut war und auch auf meinen Füßen, stellte ich sicher, dass ich in hervorragender Form war und meinen Gegnern weit voraus.

Witzige Sache, als ich damals in die UFC Hall of Fame aufgenommen wurde, gab es einige Statistiken über mich und meine Karriere, die besagten, dass ich 13 Kämpfe durch Submission (12 KO und 3 DEC) gewann, aber dass ich niemals einen einzigen Takedown versucht hätte. Ich dachte, das sei ziemlich witzig, denn das bedeutete ja, dass mein Gegner mich auf den Boden gebracht hatte und ich ihn dann zur Aufgabe gebracht habe.

Also das ist die Lektion: stell sicher, dass du überall gut bist. Jetzt war es schwierig, Ringerstudios in Holland zu finden, es gibt nur ein paar, daher habe ich im Ringen immer versagt, aber ich sorgte dafür, dass ich beim restlichen Bodenkampf gut war, damit ich – wenn sie mich auf den Boden bekamen – den Spieß umdrehen und sie tappen konnte.

Dann begann MMA immer größer zu werden, aber trotzdem konzentrierten sich viele Kämpfer immer noch auf nur eine Kampfkunst und wenn es einen tollen Striker gab, würde er fast immer auf dem Boden verlieren, also wenn sie ihn auf den Boden brachten, würde er sehr wahrscheinlich zum Tappen gebracht werden. Ich sagte diesen Jungs immer „trainiere in dem Bereich, in dem du schlecht bist, das ist der EINZIGE Weg, um besser zu werden!“ Aber leider ist das bei vielen nicht passiert.

Die mangelnde Kondition

Was mich auch verärgert hat, waren die Kämpfer, denen schnell die Puste ausging, denn sie wurden müde und verloren dann deswegen? Wie dumm ist das denn? Kondition ist das EINZIGE, was du kontrollieren kannst, du musst nur extrem hart trainieren, das ist ganz einfach.

Die Pride Fighting Championships wurden riesig und ich wurde ihr Kommentator. Dort sah ich wie neue Talente geboren wurden, speziell natürlich Sakuraba, Fedor, Wanderlei Silva, Cro Cop, Overeem und andere. Diese Jungs wurden besser und besser. Noch dazu hatten sie Kondition.

Die UFC startete dann mit ihrer TV-Show „The Ultimate Fighter“, die wurde ein Hit. Und zack! Plötzlich war die UFC die größte Show auf dem Planeten. Als ich dort kämpfte, ging eine Runde 12 Minuten und eine Extrarunde 3 Minuten und mein Titelkampf dauerte, glaube ich, eine Runde mit 15 Minuten und 2 Runden mit je 3 Minuten im Anschluss.

Die UFC fing an, mehr Gewichtsklassen zu implementieren, ein neues Rundenystem kam: 3 Runden von 5 Minuten für normale Kämpfe und 5 Runden von 5 Minuten für Titelkämpfe; bessere Regeln; alles wurde einfach besser und besser und das beinhaltete natürlich auch die Kämpfer!

Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, wo alle Top-Kämpfer wissen, wie man ringt, schlägt und am Boden kämpft. Ja, es gibt immer noch Jungs, die sich auf eine Kunst konzentrieren und häufig nicht besonders gut, sodass sie ab und zu Glück haben, aber es ist so wichtig zu wissen, dass man alles können muss, denn es heißt MMA, also stell einfach sicher, dass du alles drauf hast.

Wohin das führen wird? Ich weiß es nicht, ich denke, dass es immer noch ein relativ junger Sport ist, nur 24 Jahre alt, daher glaube ich, dass wir in 5 Jahren oder so viel mehr Kämpfer mit einem Talent wie Demetrious Johnson und Jon Jones sehen werden. Ich würde sagen, dass diese beiden im Moment die besten „pound for pound“ Kämpfer da draußen sind.

Das Einkommen der Kämpfer

Die Bezahlung ist momentan wirklich unterirdisch. Ja, da gibt es ein paar Millionäre, die eine Menge Kohle machen, aber eben nur ein paar wenige. Die anderen bekommen nicht das bezahlt, was sie verdient hätten, aber ich bin mir sicher, dass das noch kommen wird, denn Training, gutes Essen, Therapie, der Trainer, der Manager, alles kostet Geld. Wenn du sagen wir mal $20.000 für einen Kampf bekommst und du das durch die Siegprämie verdoppelst, bekommst du $40.000. 10% gehen an den Trainer, 10% an den Manager, weitere 20% sind Steuern (nachdem du den Trainer und den Manager abgeschrieben hast). Das sind $16.000, also hast du $24.000 übrig.

Von diesem Geld musst du noch essen, Haus, Auto, Versicherung bezahlen und so weiter und so fort. Sagen wir mal, du kämpfst viermal im Jahr (wenn du Glück hast, denn viele kämpfen nur 2 oder 3 mal im Jahr), das heißt, du musst von $ 72.000 pro Jahr leben und das nur, wenn du deine Kämpfe gewonnen hast, andernfalls bekommt man nur $20.000, das sind $12.000 nachdem du Trainer und Manager und die Steuern bezahlt hast. Also musst du von $36.000 pro Jahr leben. Das ist verrückt.

Hoffentlich können einige Jungs mit Sponsoren viel Geld verdienen. Das funktioniert aber meist nur, wenn die auch hinter der Kamera clever sind und sich gut verkaufen können. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es aufwärts gehen wird, das braucht nur seine Zeit.

Es ist viel sicherer als in den Anfangstagen. Ich kämpfte gegen Jungs, die PEDs benutzten und gottseidank wird gerade jeder getestet. Und wenn du das liest und ein Kämpfer werden willst…DU BRAUCHST KEINE PEDs! Ich habe mit MMA angefangen, als ich 28 Jahre alt war, das ist ziemlich alt. Es gibt viele Jungs, die PED’s schon in diesem Alter benutzen, aber du brauchst es einfach nicht, iss einfach gut und trainiere intelligent. Eine weitere gute Sache ist, dass Sie das gleiche Gewicht behalten, wenn Sie aufhören zu kämpfen. Ich fing an zu kämpfen mit 205 Pfund, und als ich in der UFC war, lag ich bei 203 Pfund, also hatte ich während meiner gesamten Karriere das gleiche Gewicht.

Jetzt haben sie auch CAT-Scans, MRI’s, alles wird getestet, bevor ein Kämpfer anfängt, und das sind natürlich alles gute Sachen.

Ich hoffe immer noch, dass MMA wieder in die Olympiade zurückkehren wird. Es war in den ersten beiden Olympischen Spielen vertreten, aber das war 648 Jahre v. Chr. Trotzdem bin ich zuversichtlich, ich glaube, wir brauchen über 70 Länder, die dafür unterschreiben, damit es eine olympische Disziplin wird. Lasst uns die Daumen drücken.

McGregor vs Mayweather

Eine letzte Sache noch: Jeder fragt mich: McGregor oder Mayweather, wer wird gewinnen?

Nun, mit 80%iger Sicherheit wird es Mayweather sein, aber wenn Conor ihn mit seiner Linken direkt erwischen kann, könnte er ihn durchaus ausknocken.

Mayweather kommt nicht nur aus einer Boxfamilie und hat praktisch geboxt, seit er in den Windeln lag, sondern darüber hinaus hat er noch nie verloren und ist der beste Defensivboxer da draußen.

Der Grund, warum ich McGregor dennoch Chancen einräume, ist, weil es viel Druck auf Mayweather geben wird, er will seine lupenreine 50-0 Bilanz erreichen. Das setzt ihn zusätzlich unter Druck. Auch jede einzelne Person, der Mayeather begegnet , wird ihm sagen: „Das wird ein leichter Kampf für dich sein, er ist ein MMA-Typ, er kann nicht boxen, du wirst ihn umhauen!“ Und je mehr Leute ihm das sagen, desto höher wird der Druck, denn wenn er verliert, hat er gegen einen Nicht-Boxer verloren. Es ist fast, als würdest du gegen ein Mädchen kämpfen (und das ist nur ein Beispiel, ich vergleiche NICHT McGregor mit einem Mädchen. Er ist ein Tier und ich liebe diesen Kerl), aber was ich versuche zu sagen, ist, dass wenn Sie ein Mädchen schlagen, dann sagen die Leute „das ist ein Mädchen, du musstest gewinnen“, aber wenn man verliert … verstehen Sie, was ich meine? Er DARF diesen Kampf nicht verlieren, das würde ihn zerstören.

Ich hoffe wirklich, dass McGregor gewinnt, ich liebe diesen Kerl und ich glaube, dass Mayweather kein guter Mensch ist, aber er ist ein phänomenaler Sportler und ein wirklich großartiger Boxer.

Bilder: Bas Rutten

Übersetzung: Remo Kelm