Interview mit Kevin Graf: Ich bin nicht rechtsradikal

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Kevin Graf: Ich bin nicht rechtsradikal

Am 31. Mai 2018 schrieb die Süddeutsche Zeitung (SZ) über zwei vermeintlich rechtsradikale Kämpfer, die bei der damals noch bevorstehenden Kampfsportveranstaltung Aggrelin 24 in München antreten sollten, die man aber wegen dem Druck von Organisationen gegen Rechts von der Fightcard strich. Die SZ zitierte unter anderem Damian Groten von der Münchner Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in einem Absatz, dass ein gewisser Kevin G. auf der Fightcard gestanden haben soll, den man aber von Seiten der Aggrelin Organisatoren aus dem Teilnehmerfeld strich. Gemeint ist der 29-jährige Kevin Graf, bei dem es sich um „einen Sportler mit guten Verbindungen in der extrem rechten Kampfsportszene“ handele. Das hat uns natürlich besonders interessiert, da der Name Kevin Graf uns überhaupt nichts sagte und die renommierte Zeitung ausgerechnet einen “NoName“ Kampfsportler an den Pranger stellte. Daraufhin haben wir Kontakt mit Kevin Graf aufgenommen, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Wir haben einen jungen Mann kennengelernt, der in verschiedenen Brennpunkten in Köln mit Migranten und Deutschen groß geworden ist und auf der Suche nach Anerkennung auch Kontakt zu Rechten hatte. Eine Geschichte voller Missverständnisse und  und jugendlichem Leichtsinn. 

GFN: Hallo Kevin, am 31. Mai 2018 erschien ein negativer Beitrag über Aggrelin und dich in der Süddeutschen Zeitung. Anschließend nahm man dich von der Fightcard runter. Sicherlich hast du dir das Ganze anders vorgestellt.

Kevin Graf: Klar, den Start als MMA Kämpfer habe ich mir anders vorgestellt. Die SZ kam allerdings später auf den Plan. Ich wurde von der Aggrelin Fightcard aufgrund von Facebook Beiträgen gestrichen.

“München Nazifrei“ und “Runter von der Matte“ haben Aggrelin und zwei Gyms von mir wegen einer Tätowierung kontaktiert. Aufgrund des Drucks wurde ich von der Karte genommen. Die Süddeutsche Zeitung kam da erst später auf den Plan.  Als man mich von der Fightcard nahm, war ich schon wütend.

Du sollst Kontakte zu Denis Nikitin, dem Gründer des Neonazi-Kampfsportnetzwerks „White Rex“ pflegen. In welcher Form und wie kam es dazu?

Mit 18 oder 19 kam ich mit der Kölner Hooligan-Szene in Kontakt. Darüber kam ich auch erstmals mit dem Kampfsport in Berührung. Ein Bekannter sagte mir dann, dass er einen Freund in Russland habe, der uns gerne kennenlernen möchte. So habe ich dann Denis Nikitin kennengelernt. Unsere Beziehung hatte keinen rechten Hintergrund.

Wusstest du damals etwas über ihn?

Doch, er war wohl damals dabei seine White Rex Geschichte aufzubauen. Man hatte untereinander auch darüber gesprochen. Aber er hat niemals einen von uns versucht da reinzuziehen.

Reisen wir in deine Vergangenheit. Du stammst gebürtig aus Köln und lebst jetzt in München. Erzähl etwas zu deiner Kindheit und Jugend.

Ich habe die ersten sechs Jahre in Chorweiler verbracht. Danach sind wir nach Köln Buchheim in eine ganz miese Ecke gezogen. Mit 11 oder 12 sind wir dann in Neubrück in der Nähe von Ostheim gelandet. Dort bin ich auch aufgewachsen. Mit 20 bin ich dann nach Porz gezogen, habe dort bis zu meinem Umzug nach München gelebt.

Das hört sich bis auf München nach vielen sozialen Brennpunkten an. Du bist nie zur Ruhe gekommen und musstest dich immer behaupten, oder?

Ich hatte zwei Möglichkeiten: Mich zuhause zu verstecken und in Angst zu leben oder mich auf der Straße zu behaupten. Mich zu verstecken kam für mich nie in Frage.

Du bist mit anderen Worten auch nicht mit dem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen.

Nein, mit einem rostigen Löffel (lacht). Ich bin mit meiner Mutter und zwei Geschwistern in armen Verhältnissen aufgewachsen. Mein Alltag war geprägt von Armut und Gewalt.

Gewalt auch auf der Straße?

Ja, ich hatte schnell Ärger mit den Jungs aus den Nachbarorten. Ich habe mir aber den Respekt erkämpft.

Dein Zuhause war auch nicht stabil?

Meine Mutter war alleinerziehend und maßlos überfordert mit meiner Erziehung. Mit 13 habe ich nur noch gemacht was ich wollte. Ich habe die Schule geschwänzt, hatte keinerlei Rückhalt oder eine harte Hand, die mich auf den Weg bringen konnte. Ich war mit anderen Worten schon früh mein eigener Herr. Meine Familie habe ich mir später auf der Straße gesucht.

Wie war dein Kontakt zu Ausländern in deiner Kindheit?

Ich hatte in der Nachbarschaft und in der Schule viele ausländische Freunde. Ich habe mir auch nie darüber Gedanken gemacht, ob ich mich jetzt mit einem Ausländer oder mit einem Deutschen gut verstehe. Ich hatte einen sehr guten kurdischen Freund, mit dem ich viel Mist gebaut habe, ich war oft bei ihm zuhause zum Essen, ich liebe die südländische Küche. Ich habe auch lange Fußball gespielt, da waren fast nur Türken in der Mannschaft. Ich kam mit allen klar. Auch beim Kampfsport ist das so. Ich habe guten Kontakt zu Ausländern, obwohl ich natürlich auch mal mit Ausländern Probleme hatte. Wenn ich Ärger mit jemandem hatte, war mir egal, ob er Deutscher ist oder nicht. Es geht doch immer um den Menschen – und nicht um seine Nationalität. Aber jetzt hat man mich in irgendeine Ecke gedrängt und das möchte ich nicht so stehen lassen. 

Deine Frau soll auch keine Deutsche sein.

Nein, sie ist Slowenin.

Irgendwann bist du an der Tür gelandet?

Anfang 20 hatte ich meine ersten Jobs an der Tür.

Hattest du dort negative Erlebnisse mit Ausländern?

Eher weniger, da ich in so einem typisch Deutschen Laden mit Schlagern gearbeitet habe. Aber man kennt die Situation auf den Kölner Ringen. Wenn man da mit einer hübschen Frau entlang ging, haben die Leute dumme Sprüche gebracht. Aber ich habe die nie gefragt, wo die herkamen, sondern konnte das gut für mich filtern und wusste das einzuordnen.

Du warst eigentlich nicht viel anders als die “aggressiven“ Südländer.

Genau, ich bin unter Menschen mit Migrationshintergrund aufgewachsen, was mich sehr geprägt hat. Ich muss aber auch sagen, dass ich nicht typisch deutsch aussehe, eher wie jemand vom Balkan. Man hält mich oft für einen Kroaten oder Serben.

Das ist doch dann alles besonders dumm für dich gelaufen, dass du plötzlich in die Rechte Ecke geschoben wirst.

Ja, die Menschen oder Vereine, die gegen mich Stimmung machen, sind nicht wie ich in diesen Brennpunkten aufgewachsen, haben selbst oft nichts mit Ausländern zu tun. Sie kennen nicht annähernd die Straße, kommen selbst oft aus behüteten Verhältnissen und denken zu wissen, wie alles funktioniert. Ich finde das schade, dass die nicht auf mich zugekommen sind, um mit mir zu reden. Man hat mich wegen Tätowierungen vorschnell vorverurteilt und mich an den Pranger gestellt.

Was sind das für Tattoos?

Ich habe auf dem Rücken zwei große Schriftzüge. Dort steht Germania und Colonia, womit ich meine Verbundenheit zu meiner Heimat ausdrücken wollte. Ich wollte nicht Deutschland hinschreiben, deswegen habe ich Germania genommen, weil es sich besser anhört. Wenn man unter vielen Nationalitäten lebt, bedeutet einem die eigene vielleicht mehr. Was die Tätowierung auf meinem Schienbein angeht, muss ich allerdings die Segel streichen. Da habe ich einfach übertrieben.

Warum?

Ich habe da White Rex stehen und da habe ich eine Art Sonnenrad mit einem Kriegerkopf in der Mitte.

Wieso hast du das gemacht?

Wie gesagt, ich habe da Mist gebaut. Es wird weg gelasert. Warum habe ich das gemacht? Ich habe mit Anfang zwanzig meine erste Russlandreise gemacht. Ich war auch bei Kampfsportturnieren und wurde sehr gut von allen aufgenommen. Ich war von diesem familiären Umfeld total begeistert.

Du hast plötzlich etwas bekommen, was du nie zuvor in deinem Leben hattest.

Ja, das kann man genau so sagen. Als Jugendlicher hätte ich nie gedacht, dass ich aus der kleinen Welt, in der ich mich befand, raus komme. Plötzlich bin ich mit 20 oder 21 Jahren in Russland. Dieses ganze Umfeld und der Zusammenhalt dort hat mich total geflasht.

Das hört sich fast euphorisch an.

So ist es auch. Ich habe nicht darüber nachgedacht und habe aus dieser jugendlichen Euphorie heraus mir das Ding aufs Schienbein machen lassen. War ein Fehler.

Du bist also nicht Rechts?

Nein.

Kommen wir zum sportlichen Teil in deinem Leben. Strebst du in naher Zukunft an, professioneller MMA Kämpfer zu werden?

Das werde ich wohl erst nächstes Jahr entscheiden. Im Moment habe ich das Glück lediglich am Wochenende arbeiten zu müssen, so dass ich eine Menge Zeit fürs Training habe. Ich werde also gut vorbereitet sein für die ersten Kämpfe.

Wenn es nicht klappen sollte, warum auch immer, halte ich mir Optionen im Boxen & Kickboxen offen.

Hast du schon Kämpfe als Amateur gemacht?

Nein, bei Aggrelin wäre es mein erster Auftritt als Amateur gewesen.

Wie bist du auf MMA aufmerksam geworden?

Das hatte sich in meinem Freundeskreis herumgesprochen, da wurde ich erstmals darauf aufmerksam. Aber entscheidend war die UFC in Köln. Da bin ich mit einem Freund hin, die Fightcard war riesig. So bin ich auf MMA aufmerksam geworden.

Die UFC kommt nach Deutschland zurück. Wirst du sie dir auch ansehen?

Wahrscheinlich nicht. Ich weiß natürlich, was jeder einzelne Kämpfer der einen Vertrag bei einer solchen Organisation hat, leisten muss, um dabei zu sein. Davor habe ich großen Respekt. Ich gucke heute eher M1 oder Fight Nights an, weil da ein paar Jungs die ich kenne kämpfen. KSW mag ich auch sehr. Bei der UFC finde ich schade, dass man die Gelder, die generiert werden, nicht an die Kämpfer weitergibt. Nur Kämpfer wie Conor McGregor verdienen da gut. In Russland verdient man deutlich mehr.

Was bedeutet dir Kampfsport?

Kampfsport ist ein guter Ausgleich, gut für den Körper und den Kopf. Ich bin viel entspannter und ausgeglichener nach dem Sport.

Welchen Kämpfer in Deutschland findest du gut?

Meine Lieblingskämpfer in Deutschland heißen Jonas Billstein und Abus Magomedov. Jonas ist ein Monster. Ich habe selbst mal im Combat Club Cologne trainiert und habe ihn selbst erlebt.

International?

Die Diaz Brüder, aber mehr den Nate Diaz. Seine ganze lässige Art zu kämpfen finde ich cool. Khabib Nurmagomedov ist auch eine Maschine. Ich glaube der wird einmal unbesiegt die Handschuhe an den Nagel hängen.

Was ist dein größter sportlicher Wunsch?

Erfolgreich im Kampfsport zu sein. Sei es im MMA, Boxen, Kickboxen oder Ringen. Wünschenswert wäre im MMA, da sehe ich im Schwergewicht sogar gute Chancen für mich, da diese Klasse jetzt nicht so heftig besetzt ist.

Und dein größter Wunsch privat?

Gesund zu bleiben. Ich hatte im Jahr 2016 einen schweren Motorradunfall.

Mehrere Operationen hielten mich eineinhalb Jahre davon ab, Sport zu treiben.

Das war eine der schwierigsten Zeiten meines Lebens. Seitdem weiß ich, dass die Gesundheit das Wichtigste überhaupt ist. Und natürlich möchte ich akzeptiert werden, so wie ich bin. Jeder kann mit mir reden. Ich hoffe die Menschen, die über mich gerade so viele Gerüchte gestreut haben, kommen in Zukunft auf mich zu und reden erst mit mir und machen sich ein eigenes Bild. Ich nehme auch gerne Kritik an, wenn sie berechtigt ist.  ZUR DISKUSSION

Mit Kevin Graf sprach unser Redakteur Attila