Das große Interview mit Leon Bauer: Das Leben ist kein Ponyhof

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Interview mit Leon Bauer 

Leon Bauer hat trotz seiner Jugend schon viel erlebt in seiner Karriere als Profiboxer. Das 19-jährige Ausnahmetalent durfte schon im legendären MGM Grand in Las Vegas oder im Rahmen der neu geschaffenen Ali Trophy (WBSS) sein Können unter Beweis stellen. GFN Chef-Redakteur Attila Revada hat im großen Interview  einen geerdeten jungen Mann kennengelernt, der in einer immer schneller werdenden Welt sich selbst die nötige Zeit gibt, um in einigen Jahren bei den ganz Großen oben anzukommen. 

Hallo Leon, du wirst am 2. Juni in Hannover wieder in den Ring stehen. Wie fühlst du dich aktuell und wie weit bist du noch von deiner Idealform entfernt?

Ich fühle mich sehr gut, die Vorbereitungen laufen. Wir haben ein Top Sparring gehabt und das Gewicht passt auch. Wir finalisieren die letzten Tage alles und kommen unserer Bestform immer näher.

Mit deinem kommenden Gegner Atin Karabet hast du letztes Jahr im Oktober schon Bekanntschaft gemacht. Wie siehst du den ersten Kampf und das Unentschieden heute im Rückblick?

Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass es kein guter Kampf war, weil ich ohne Sparring in den Ring gestiegen war. Das hat sich dementsprechend auf meine Performance ausgewirkt. Für mich war das daher kein richtiger Boxkampf, sondern eher Wrestling oder sonst irgendwas. Den Kampf habe ich aus meiner Sicht auch nicht verloren.

Trotzdem hast du dich damals schwer gegen Karabet getan. Hast du ihn unterschätzt?

Nein, das Problem war, dass wir uns kurz vorher von unserem Manager getrennt hatten. Wir standen zu diesem Zeitpunkt ohne finanzielle Mittel da und hatten kaum Möglichkeiten uns irgendwie vorzubereiten.

Du hast im Vorfeld zu diesem Rückkampf einiges geändert. Was ist alles neu?

Oldschool-Trainingsvarianten

Foto: Privat

Wir haben unsere “Oldschool-Trainingsvarianten“ wieder neu aufgegriffen. Ich habe seit Oktober einen neuen Technik-Trainer aus den USA an Board. Auf alles andere dürft ihr am 2. Juni gespannt sein.

Du nutzt auch das Leistungszentrum des Fußballbundesligisten TSG 1899 Hoffenheim. Was machst du da und wie kam es dazu?

Wir haben mittlerweile ein Manager-Team von verschiedenen Funktionären und einer davon ist ganz gut mit Hoffenheim. Wir hatten ein Kennenlerngespräch und daraufhin hat man verschiedene Analysen gemacht. Wir waren schon einige Male dort, haben mit verschiedenen Komponenten im Leistungssport gearbeitet.

Wie hilfreich war das?

In einigen Bereichen hat uns das sehr gut weitergeholfen. An dieser Stelle auch einen Dank an Hoffenheim, dass es so gut funktioniert hat. Wir hoffen auf weitere Zusammenarbeit.

Was sind deine Stärken als Boxer?

Ich ich bin sehr groß für meine Gewichtsklasse, aber nichts desto trotz habe ich gute Reflexe und bin sehr beweglich. Ich boxe einen unorthodoxen Stil, der mehr Kraft kostet, weil ich mich mehr bewege. Das ist ein anderes Boxen, nichts von der Stange eben. Meine Stärken sind auf jeden Fall meine Schnelligkeit, Bewegung, die gute Distanz, mit einer Kombination aus nicht getroffen werden, trotzdem offensiv zu kämpfen und Druck auszuüben.

In welchem Bereich möchtest du dich boxerisch noch verbessern?

In allen Bereichen. Ich bin erst 19 Jahre alt, da gibt es aus unserer Sicht noch so viel Luft nach oben. Ich glaube, da wir in der Vergangenheit einiges richtig gemacht und an anderer Stelle auch mal verbockt haben, haben wir viel gelernt. Ich kann noch schneller, körperlich und konditionell stärker und insgesamt präziser werden. Da wird auch noch die körperliche Entwicklung dazukommen. Wenn man davon ausgeht, dass ein Mann mit 25 Jahren körperlich ausgereift ist, ich da noch fünfeinhalb Jahre von entfernt bin, wird noch einiges passieren.

Sagt dir eigentlich der Name Michel Trabant etwas?

Habe ich schon einmal gehört, aber den genauen Werdegang habe ich nicht mitbekommen.

Trabant wurde mit 16 Jahren Profi, genau wie du also. Er konnte später die an ihn gestellten Erwartungen nicht ganz erfüllen, obwohl er ein großes Talent war. Man glaubt, dass er verheizt wurde und zu früh anfing. Warum wird dir das nicht passieren?

© Marco Baumann

Ich weiß nicht, ob er verheizt wurde, aber mittlerweile ist es ja leider mit an der Tagesordnung, dass junge Sportler verheizt werden. Dadurch, dass mein Vater und meine Familie hinter mir stehen, habe ich einen entscheidenden Vorteil. Denn es war ja schon mal so, dass wir in diese Richtung “schnell, schnell, schnell“ gegangen sind. Aber wir sind keine Fans von schnell. Wir wollen ganz weit nach oben und gegen die Besten boxen, aber alles zu seiner Zeit. Und dementsprechend haben wir noch sehr viel zu lernen.

Wir trainieren als Team sehr hart an unseren Fähigkeiten. Wir wissen, dass es jeden Tag harte Arbeit bedeutet, um nach oben zu kommen und es noch härter wird, oben zu bleiben. Wir wollen an unseren bisherigen Erfolgen anknüpfen und Schritt für Schritt unseren Weg gehen. Und da ich weiß, dass mein Vater die Hand über mich hält, bin ich hier bestens beraten, um nicht als Eintagsfliege zu enden. Auch die Menschen um mich herum, auf deren Rat ich sehr viel Wert lege und mit denen wir uns besprechen, fügen ihren Teil dazu bei, dass ich eine bessere Rüstung habe und wir auch mal bei einem verlockenden Angebot einfach NEIN sagen wollen und werden.

Meine Familie bedeutet mir ALLES

Deine Eltern sind voll in deinen Alltag als Profiboxer integriert. Was bedeutet dir das?

Foto: Privat

Meine Familie bedeutet mir ALLES und ohne sie würde ich das Ganze hier nicht machen. Jeden Tag, an dem ich in der Vorbereitung so kaputt bin und früh aus dem Bett muss, ist meine Familie ein Grund, warum ich weitermache. Ich bin ein Familienmensch. Jeder ist ein wichtiger Teil in unserem System. Wenn alle funktionieren, funktioniert auch das ganze Gebilde und mit ihnen habe ich mehrfach Geschichte geschrieben. Klar, der Traum, den wir haben, ist noch weit entfernt, aber er ist greifbar, wie er schon vor 10 Jahren greifbar war. Mit meiner Familie im Rücken und unseren Zielen können wir großes erreichen.

Dein Vater ist auch dein Trainer. Wie wichtig ist er für dich?

Mein Vater und ich bilden die Basis. Wenn wir nicht funktionieren, dann funktioniert gar nichts. Deswegen ist die Zusammenarbeit mit meinem Vater für unsere Einheit maßgeblich. Danach richtet sich alles. In dieses System wird auch noch mein Bruder hineinwachsen, aber alles zu seiner Zeit. Was mein Vater sagt, hat für mich viel Gewicht. Und wenn er mir sagt: „Leon, du brauchst noch Zeit“, dann brauche ich noch Zeit. Die Kommunikation, das Training und die Bindung zu meinem Vater ist das eigentliche Erfolgsprinzip.

Deine Mutter Melanie ist dein größter Fan. Wie sehr treibt dich das an, eine coole Mutter zu haben, die sehr viel für deine Promotion tut?

Das fließt in dieses Familiending ein. Ich bin stolz auf jeden einzelnen in meiner Familie. Jeder gibt mir Kraft auf seine Art. Ich habe halt die beste Mama der Welt. Und da kommt auch keiner ran. Und weil sie auch ihren Job liebt, macht sie ihn besser als die meisten anderen.

Du warst gerade Basketball spielen? Gab es da früher Ambitionen?

Nein, ich bin in den Kampfsport rein geboren worden, dementsprechend war das gar keine Option. Ich habe mal Fußball probiert, weil es DER Sport in Deutschland ist. Basketball ist in den USA beliebt, aber es ist und war immer nur ein Hobby von mir, der mir Spaß macht und ein guter Ausgleich zum Boxen darstellt. Zudem ersetzt es teilweise mein Cardio Training. Ich kann dabei gut abschalten und da ich sowieso sehr sportbegeistert bin und die Abwechslung auch brauche, gehe ich in der Woche ein, zwei Mal auf den Platz. Das macht den Kopf frei. Ich kann es jedem empfehlen.

Betreibst du noch andere Sportarten?

Ich bin wie gesagt sportbegeistert, gucke mir auch vieles gerne an. Aber alles andere außer Boxen ist reines Hobbyvergnügen. Neben Basketball spielen wir ab und zu Tischtennis und ein bisschen Beachvolleyball im Urlaub.

2016 gab es einen unvergesslichen Moment für dich. Du durftest im legendären MGM Grand in Las Vegas boxen. Was war das damals für ein Gefühl?

Das war ein unglaubliches Gefühl. Mittwochs noch in Hatzenbühl, Donnerstags in Las Vegas, Samstag gekämpft und gewonnen und Geschichte geschrieben. Sonntagabend sind wir wieder zurück geflogen. Man hat einen Traum, eine Vision, eine Vorstellung und dann ist es gemacht. Das ich in Las Vegas meinen “All Time Favorit“ und Idol Roy Jones getroffen habe, bedeutet mir auch sehr viel.

Hast du die Historizität des Ortes gespürt?

Das ging einfach alles viel zu schnell. Ich war noch voll im Jet Lag, dann kam die Waage, ich hatte knapp vier Kilo Untergewicht, der Gegner war größer und acht Jahre älter. Da war ich gedanklich total neben der Spur und deshalb hat es einfach keine große Rolle gespielt. Ich bin hin, habe mein Ding gemacht und gewonnen. Ich war in Las Vegas auf mich fokussiert.

Jones Jr. Mayweather und Ali

Roy Jones Jr. ist dein Idol? Warum?

Foto: Marco Baumann

Ja, einfach aus dem Grund, weil er zu seiner Primetime die stärksten Kämpfer auf dem höchsten Niveau geboxt hat und sie vorgeführt hat, als ob sie nicht boxen konnten. Er hatte eine unglaubliche Präzision und Schnelligkeit und dazu wahnsinnige Bewegungen. Danach folgen Floyd Mayweather und Muhammad Ali. Jeder war mit seinem Stil zu seiner Zeit der beste Boxer. Das sind Namen, die zum Teil auch meinen Weg geebnet haben, Persönlichkeiten, zu denen ich hochschaue.

Gibt es Favoriten in Deutschland?

Ich orientiere mich eher am englischen und amerikanischen Boxen. Deswegen bin ich da eigentlich komplett in einer anderen Welt. Drüben in den Staaten oder halt eben in England.

Was hast du dir von deinen Idolen abgeschaut?

Man muss hier differenzieren. Jeder hat seinen Boxstil und es gibt einfach Sachen, die passen zu jedem einzelnen. Ich habe Respekt vor meinen Idolen, aber deren Art zu Boxen ist die eine Sache, sie auf mich anzuwenden, na ja, passt meistens nicht so zu mir, was auch körperlich bedingt ist. Deswegen bleibe ich komplett bei dem, was mir mit auf den Weg gegeben wurde. Die Dinge, bei denen ich sage: Hey, das passt brutal gut zu meinem Stil, das kann ich irgendwo einbauen, klar, das sind heutzutage aber eher Basics. Man entwickelt sie weiter und macht sie bestenfalls noch schneller und präziser, um den ultimativen eigenen Stil draus zu formen.

In zehn Jahren bist du erst 29 Jahre alt, also im besten Alter für einen Boxer. Wo willst du dann stehen?

Wow, zehn Jahre sind viel Holz. In meinem Alter fangen die meisten Profis erst richtig an zu boxen und dementsprechend haben wir hier alle Zeit der Welt um zu reifen. In zehn Jahren sehen wir uns schon an der Spitze unserer Gewichtsklasse. Es ist noch so weit weg, da wird sich noch viel tun in meinem Leben.

Gibt es eigentlich Überlegungen, dass du in der Zukunft eine oder zwei Gewichtsklassen höher gehst?

Ich habe den ultimativen Größenvorteil in meiner Gewichtsklasse und das bedeutet halt immer auch Disziplin zu haben. Sehr viele Leute scheitern daran, dass sie nicht genug Disziplin haben. Aber ich will für die nächsten paar Jahre, so lange es geht, auf jeden Fall noch im Supermittelgewicht bleiben. Zum richtigen Zeitpunkt kann man darüber nachdenken. Die Körperkonstitution von Gewichtsklasse zu Gewichtsklasse verändert sich enorm, obwohl es nur 2 -3 Kilo Unterschied sind. Und dementsprechend muss man hier auch aufpassen, weil ein Wechsel einen zu Fall bringen kann, was man bei vielen guten Boxern immer wieder gesehen hat. Deswegen machen wir alles behutsam und das Mittelgewicht ist meine Gewichtsklasse.

Dein Geburtsort ist Kandel in Rheinlandpfalz. Das ist eine Kleinstadt mit 9000 Einwohnern. Hast du dorthin noch eine Bindung?

Ich wohne mittlerweile ein Dorf weiter. Was mich hier hält, sind die vielen Erinnerungen, unser eigenes Gym, was wir aufgebaut haben, die Menschen, Freunde, Familie und die Erfahrung, die man mit den Menschen in der Region gemacht hat.

Das Leben ist kein Ponyhof

Foto: Marco Baumann

Wie lief die Schule für dich neben dem Boxen?

Ich bin bis zur 10. Klasse auf die Realschule gegangen. Nach dem Abschluss habe ich meinen Profivertrag unterschrieben. Neben meinem Fachabi und der Ausbildung zum Büroassistenten, war das natürlich viel Holz. Das hat zweieinhalb Jahre an allem gezerrt, was ich hatte und es war eine sehr harte und anstrengende Zeit. Aber gut, wir haben uns durchgeboxt und haben alles erfolgreich abgeschlossen. Sowohl Fachabitur als auch den Büroassistenten und natürlich auch die Kämpfe, die wir in dem Zeitraum hatten. Das Leben ist halt kein Ponyhof.

Wurdest du von den anderen Kindern bewundert, als du gerade einmal mit 16 Profi wurdest?

Na ja, zu diesem Zeitpunkt haben viele gedacht: Was macht denn der jetzt? Das wird doch sowieso nichts. Das habe ich mir lang anhören können. Ich habe halt einfach fest mit meinen Leuten daran geglaubt, daran gearbeitet, dass meine Träume wahr werden. Um mich herum habe ich alles ausgeblendet, da negative Einflüsse von außen einen Menschen kaputt machen können.

Welche Hobbys hast du neben Sport?

Ich höre gerne deutschen und amerikanischen Rap. Da ich seit einiger Zeit auch eine dritte Sprache lerne, höre ich auch sehr viel kroatische und bosnische Sachen, also Rap vom Balkan. Beim Rap oder Hip Hop inspirieren mich die Texte und die Beats. Ansonsten zocke ich ab und zu an der Konsole, aber eher selten.

Was isst du als Sportler gerne?

Foto: Marco Baumann

Mein Lieblingsessen ist was von meinem Dad. Das macht er schon seit Ewigkeiten. Das ist eine Art Eintopf mit Reis, Gemüse und Fleisch. Ich freue mich, wenn meine Leibspeise auf dem Tisch steht, auch weil ich damit viele gute Erinnerungen verbinde.

Du lernst gerne Sprachen haben wir erfahren. Vereist du auch gerne?

Wer nicht? Ich mache gerne Urlaub dort wo die Sonne scheint. Meine Favoriten sind im Balkan Kroatien und Bosnien. In der Türkei war ich auch letztes Jahr. Ich bin ein Mensch, der sehr offen gegenüber Kulturen ist. Deswegen kann die Welt nicht groß genug für mich sein. Ich würde gern die ganze Welt bereisen, weil es meinen Horizont erweitert und mir hilft, eine andere Sicht auf andere Kulturen zu bekommen.

Der Kampf hat höchste Priorität

Eine Standardfrage: Was ist dein nächstes Ziel nach dem Kampf gegen Karabet?

Der Kampf am Samstag hat höchste Priorität und danach setzen wir uns zusammen und besprechen, wohin die Reise geht. Alles andere kommt danach.

Vielen Dank für das tolle Gespräch Leon. Alles Gute für deine weitere Zukunft.

Vielen Dank Attila. Danke auch für den Support an dieser Stelle. Jetzt kommen die letzten Tage der Vorbereitung und dann sind wir nächste Woche Samstag in Hannover. Wir freuen uns schon. Wir sind READY.  

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