Cutmen – Die Meister der Rundenpause: Das Interview!

ANZEIGE

Interview mit WCA Präsident Markus Schwer: Die Wertschätzung für die Cutmen steigert sich langsam!

Kampfsport ist von jeher populär. Egal ob klassisches Boxen, Muay Thai oder Mixed Martial Arts, eingefleischte Fans wissen fast alles über ihren Sport und natürlich die Kämpfer. Dabei werden mit einigen wenigen Ausnahmen die “Meister der Rundenpausen“ vergessen: die wichtigen Cutmen. Kaum jemand weiß etwas über die Frauen und Männer, die die Athleten innerhalb von 50 Sekunden zusammenflicken müssen und dafür sorgen, dass es nicht zu schlimmsten Verletzungen kommt. So einer ist Markus Schwer von der World Cutmen Association (WCA), der mit seinen Kollegen an der Front unter anderem darum kämpft, dass die Cutmen nicht nur in Deutschland strukturiert arbeiten, sondern weltweit. Wir haben mit dem Präsidenten der WCA gesprochen und dabei einen sehr interessanten Einblick hinter die Kulissen der Cutmens erhalten.

GFN: Markus, mehrere Cutmen, die früher teilweise auch bei der International Cutmen Organisations (ICA) waren, haben sich nun unter einem neuen Verband, der World Cutmen Association (WCA) zusammengetan. Wie kam es dazu?

Markus Schwer: Da gab es mehrere Gründe. Die ICA macht einen guten Job, keine Frage. Und hier sei auch ganz klar betont, dass es keinen Streit oder so etwas gab. Wir Cutmen waren untereinander bereits sehr gut vernetzt. Allerdings wollten wir einen noch engeren Informationsaustausch auf allen Kanälen und vor allem eine Hierarchie, mit gewählten Vertretern. Dabei muss man wissen, dass es bislang keine Ausbildung zum Cutman gibt. Nahezu alle, die heute im Profibereich unterwegs sind, haben sich das selbst angeeignet.

Und was ist in der WCA jetzt genau anders?

Zum einen bin ich als Präsident für zwei Jahre gewählt. Danach werden meine und auch die anderen Positionen neu besetzt. Wobei man natürlich wiedergewählt werden kann (lacht). So ist es einfach transparenter. Dies ist unheimlich wichtig und darauf wird auch unter den Cutmen geachtet, sonst hätten wir nicht nach wenigen Monaten bereits mehr als 50 Mitglieder von Südamerika über Europa bis nach Australien. Mir persönlich ist es wichtig, dass mit Tim Kuchenbuch und Davide Bianchi zwei Ärzte dabei sind, die die Arbeit der Cutmen aus medizinischer Sicht bewerten. Gerade Tim Kuchenbuch ist schon seit Jahren Ringarzt beim BDB sowie Cutman bei EC Boxing in Hamburg und verfügt über einen riesigen Erfahrungsschatz. Hier versuchen wir die neusten Entwicklungen und Erkenntnisse unseren Mitgliedern über unsere Internetseite zugänglich zu machen. So werden wir beispielsweise noch im April die neueste Publikation von Tim Kuchenbuch zu dem Thema „Gewicht machen mittels Dehydration und dessen Folgen“ bei uns veröffentlichen.

Und wie sieht es mit der Ausbildung aus?

Auch in diesem Punkt machen wir uns intensiv Gedanken und haben bereits eine vorübergehende Lösung gefunden. In der WCA werden sogenannte Rookies von den jeweiligen Head-Cutmen an die Hand genommen. Sie sind begleitend dabei und bekommen so einen Einblick in die professionelle Arbeit und die Standards vermittelt. Im optimalen Fall werden sie so zu einem Pro-Cutman ausgebildet und können dann auch bei uns Mitglied werden. Man kann das Ganze auch so etwas wie Nachwuchsarbeit nennen. Das ist ganz wichtig, weil wir auf diesem Weg unsere Werte weitergeben können.

Was zählt alles zu den Aufgaben eines Cutman?

Die Arbeit eines professionellen Cutman deckt ein breites Leistungsspektrum ab. Hierzu sind Grundkenntnisse der Anatomie und Physiologie notwendig. Außerdem benötigt jeder einen Ersthelfer-Kurs. Man muss mit Schwellungen und natürlich blutenden Wunden umgehen können. Es sind sehr gute Kenntnisse in Sachen blutstillende Mittel und Erstversorgung bei Verletzungen notwendig. Und dann ganz wichtig: Ein Cutman muss so hygienisch wie möglich arbeiten. Dies ist bei vielen Amateuren ein ganz großes Problem. Man muss Handschuhe tragen, es muss ein extra Handtuch für die Cutman-Arbeit zur Verfügung stehen und jeder Cutman benötigt ein Extra-Set an Vaseline, Blutstiller, Swaps und so weiter.

Jeder Cutman hat seine eigenen Geheimnisse und Mittelchen

Und wie sieht eure Arbeit am Tag eines Wettkampfes aus?

Da wir gebucht werden, kommt es regelmäßig vor, dass wir die Kämpfer nicht kennen. Deshalb ist eine Kontaktaufnahme mit dem zu betreuenden Sportler schon vor der Veranstaltung notwendig. Hier geht es darum, zu erfahren, ob es Vorverletzungen oder Schwachstellen gibt. Außerdem werden hier spezielle Wünsche des Sportlers aufgenommen, die für die spätere Betreuung wichtig sind. Vor dem Kampf sollte auch unbedingt mit dem Trainer gesprochen werden, wie seine Vorgehensweise in der unmittelbaren Vorbereitung aussehen. Hier wird dann ein Zeitplan erarbeitet und wie ganz konkret während der Kampfpausen in der Ecke gearbeitet wird. Als Cutman sollte man jederzeit für seinen Kämpfer da sein, wenn er etwas benötigt oder Fragen hat. Wir kümmern uns dann um das regelkonforme Bandagieren, dass der Kämpfer den bestmöglichen Schutz seiner Hände hat und das größtmögliche Vertrauen aufbauen kann. Der letzte Schritt in der Kabine ist die Präparation der cut-und schwellungsgefährdeten Gesichtsflächen. Hier hat jeder Cutman seine eigenen Geheimnisse und Mittelchen (lacht).

Und dann geht es in den Ring.

Markus Schwer mit Uli Wegner in der Ecke von Araik Marutjan

So ist es. Ich gehöre zu den Cutmen, die beispielsweise nicht mit einlaufen. Das macht aber jeder anders. Während des Kampfes muss ich das Geschehen im Ring sehr gut beobachten, um in den Pausen optimal reagieren zu können. Ich muss Schwellungen oder gar Cuts erkennen. Ich habe in der Regel knapp 50 Sekunden, um den Kämpfer wieder fit zu machen. Hier kommen unter anderem Eis, Enswell (gekühltes Eisen mit Griff – Anm. d. Red.), Vaseline und die von den Verbänden und Ringarzt zugelassenen Mittel zum Einsatz.

Ist die Arbeit mit dem letzten Gong vorbei?

Keinesfalls! Nach dem Kampf stehen Erstversorgungen von Schwellungen und Cuts auf dem Programm. Hierbei ist ganz wichtig, dass wir Cutmen sind und keine Ärzte. Das heißt, wir dürfen weder offene Stellen nähen noch klammern. Es geht ausschließlich um Wunden säubern, Verbände anlegen und eventuell kühlen. Danach wird der Kämpfer, wenn nötig, an die vor Ort befindlichen Ärzte übergeben.

Das hört sich aber ziemlich umfangreich an.

Das ist es auch. Es ist keinesfalls nur das Hantieren mit einem Vaseline-Töpfchen (lacht).

Was sind denn die größten Probleme mit denen Cutmen konfrontiert werden?

Das größte Problem gerade in Deutschland ist, dass das oberste Gebot ist, die Kämpfer zu schützen, dass keine bleibenden Verletzungen passieren. Hier gibt es teilweise kontroverse Diskussionen mit Veranstaltern, Promotern und Trainern. Für viele spielt die Arbeit eines Cutman hier leider noch eine untergeordnete Rolle. In den größeren Kampfsportserien und auch im Profiboxen ist das Gott sei Dank mittlerweile Standard. Auch im Amateurboxen gibt es mittlerweile ein Kurs, in dem sich engagierte Personen fortbilden können. Es ist aber immer noch so, dass das Thema Hygiene buchstäblich mit Füßen getreten wird. Da wird ein Ring mit demselben Handtuch abgewischt, wie das Gesicht, in dem Verletzungen sind. Das kann verheerende Folgen für den Kämpfer haben.

Was müsste man deiner Meinung nach tun um diese Situation zu ändern und hier Standards durchzusetzen?

Kurze Verschnaufpause: Markus Schwer

Hier sind vor allem die Verbände, Veranstalter und Trainer gefragt, die hier doch am meisten Einfluss nehmen können, den Standard durchzusetzen einen Cutman mit Cutmanausbildung für das Cornerwork einzufordern. Das gilt natürlich auch für die Sportler selbst.

Wie soll das genau funktionieren?

Da gibt bestimmt mehrere Ansätze, welche hier Besserung bringen könnten. Einer davon wäre sicher, sich von einem professionellen Cutman weiterbilden zu lassen, wobei ein ein- bis zweitägiger Kurs nur Grundlagen vermitteln kann.  Dennie Mancini sagte: „Meine Universität waren die Box-Gyms, du kannst keine Seminare darüber abhalten. Es geht nur über Praxis.“

Trotzdem ist eine Kursteilnahme aber auch als Fortschritt zu werten. Der zweite Punkt ist, dass man sich einen oder mehrere Pro Cutman engagiert, die sich dann um die Sportler während des Events kümmern. Hier ist es egal wer die Buchung veranlasst, ob Verband, Veranstalter, Coach oder Sportler, da der Pro Cutman wie eine Versicherung ist. Wenn es ohne Zwischenfälle abgelaufen ist, ist seine Arbeit sofort vergessen. Aber in bestimmten Situationen steht und fällt alles damit, was sie ausrichten können.

„Meine Universität waren die Box-Gyms, du kannst keine Seminare darüber abhalten. Es geht nur über Praxis.“

Markus Schwer zitiert Dennie Mancini

Du arbeitest auch international, hast unter anderem schon als Cutman für K1-Star Nieky Holzken gearbeitet. Wie ist das Arbeiten mit so einem Star?

Markus Schwer in der Ecke von Nieky Holzken

Die Zusammenarbeit mit Nieky war wirklich etwas ganz Besonderes. Wir haben uns auf Anhieb perfekt verstanden. Es ist wie in einer großen Boxfamilie. Nieky und sein Trainer Sjef Weber, aber auch die ganze Familie Holzken sind mittlerweile zu guten Freunden geworden.

Wo warst du sonst noch unterwegs?

Ende letzten Jahres war ich noch für den Boxer Filip Hrgovic und Trainer Pedro Diaz in Zagreb gebucht. Dort hatte ich kaum Kontakt zu anderen Cutmen außer zu Pia Mazelanik. Sie hat damals den Gegner von Filip Hrgovic betreut und ist mittlerweile auch in der WCA.

In den USA müssen die Cutmen eine Corner-Lizenz beantragen

Wie sieht es international mit der WCA aus?

Meine Kollegen in England arbeiten zum Teil hoch professionell. Sie erhalten dort aber auch eine wesentlich höhere Wertschätzung. In den USA wird der Cutman teilweise sogar vom Gesetzt her gefordert. Dort müssen die Cutmen sogar eine Corner-Lizenz beantragen und dies für jeden Staat einzeln, da in den USA die Kampfsport-Veranstaltungen gesetzlich überwacht werden. In anderen Ländern Europas, in Südamerika und auch Asien gibt es diesbezüglich durchaus Nachholbedarf.

Wie kann ich in Deutschland Cutmen werden?

Ulf Rabethge bei einer Fortbildung 

Zunächst einmal sollte sich der- oder diejenige ein Bild machen, was alles nötig ist, um Cutman zu werden. Da bieten sich Fortbildungskurse an, wie sie unter anderem die Deutsche Akademie für Kampfsport & Fitness (DAKUF) anbietet. WCA-Mitglied Ulf Rabethge gehört dort zu den Ausbildern. Er ist ein sehr erfahrener Cutman, der sogar eine Ausbildung zum Rettungsassistenten absolviert hat. Damit bringt er das nötige Know-how mit. Wichtig zu wissen ist, dass teuer nicht immer gleich gut ist. Leider gibt es da immer wieder schwarze Schafe. Es gibt aber noch einige andere Cutman außerhalb der WCA, die Kurse anbieten. Solche Kurse sind sicherlich gut, um sich Kenntnis anzueignen. Allerdings lernt man den Job ganz klar nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Deshalb biete ich persönlich keine Theoriekurse an.

Wie machst du das?

Bei mir ähnelt das Ganze einer Ausbildung, die mehrere Jahre geht. Zunächst begleiten mich die Kandidaten und helfen in der Ecke. Meine aktuelle Auszubildende Julia Warnkönig ist nach eineinhalb Jahren soweit, dass sie eigenverantwortlich als Cutwoman bei einer Veranstaltung Kämpfer betreuen darf. Ich selber bin auch dort, um im Fall der Fälle helfen zu können. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich empfehle allen Interessierten, sich an erfahrene Cutman zu wenden, die einem in der Regel auch gerne weiterhelfen. Bei Fragen können sich Interessierte auch gerne an mich wenden.

Was bedeutet es in Deutschland ein Cutman zu sein?

Die Wertschätzung der Cutmen steigert sich so langsam. Allerdings muss einem klar sein, dass sich das keinesfalls in der Gage wiederspiegelt. Wenn man aufrechnet, was an Material und Zeit aufgewendet werden muss, arbeiten die meisten Cutman gerade einmal kostendeckend, höchstens für eine Aufwandspauschale. Cutman in Deutschland zu sein ist bislang eher Passion und Leidenschaft. Geld kann man damit keines verdienen. Weltweit kenne ich höchstens zehn Cutmen, die von ihrem Job leben können.

Wie schätzt Du im Allgemeinen die Entwicklung der deutschen Kampfsportszene ein, insbesondere was MMA angeht?

Diesbezüglich eine Einschätzung abzugeben ist ganz schwierig, weil es im Kampfsport sehr viele Verbände und Serien gibt. Die Folge ist, dass es viele verschiedene Regelwerke gibt, die unter anderem die Arbeit der Cutmen enorm erschweren. Leider ist es so, dass sich viele Offizielle der Verbände in den Sozialen Netzwerken auch noch anfeinden und denken, sie würden als einzige das Richtige machen. Das schadet dem Kampfsport im Allgemeinen ungemein. Eine Ausnahme sehe ich hier im klassischen Boxsport, wo es offensichtlich gefestigtere Strukturen gibt.

Was nun speziell MMA angeht, so gehört dieser Sport sicher zu den am schnellsten wachsenden weltweit – auch in Deutschland. Viele Gyms nehmen diese Sportart in ihr Programm auf. UFC, ACB (mittlerweile ACA – Anm. d. Red.), OneFc international, aber auch We Love MMA, Aggrelin, GMC und weitere Serien erfreuen sich eines großen Zuschauerzuspruchs. Das ist natürlich auch gut für uns Cutmen, denn hier werden wirklich gute Kollegen gebraucht. Allerdings ist es auch so, dass das, was schnell wächst, auch schnell wieder bergab gehen kann. Deshalb hoffe ich, dass sich im Hintergrund des MMA auch klare Strukturen entwickeln und nicht Verbände bilden, bei denen die Offiziellen mehr auf sich als auf den Sport achten.

WIE DENKST DU ÜBER DIE ARBEIT DER CUTMEN?

Das Interview mit Markus Schwer führte Alex Unruh