Chisora vs. Usyk: Von falschen Propheten und der einen „einzigen Wahrheit“

KOMMENTAR

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Mein Ärger nach Chisora vs. Usyk

Endlich wieder Schwergewichtsboxen. So zumindest dachte ich heute Morgen, als ich mir auf DAZN die Wiederholung des Duells zwischen Oleksandr Usyk gegen Derek Chisora ansah. Ich liebe das Schwergewicht seit meiner frühen Kindheit, als ich am 31. Oktober 1974 mitten in der Nacht aufgeweckt wurde, um dem „Rumble in the Jungle“ beizuwohnen. Es versteht sich von selbst, dass ich damals als Vierjähriger auch keinerlei Ahnung vom Boxen hatte. Mit den Jahren und zahlreichen gesehenen Kämpfen von Muhammad Ali, Mike Tyson und anderen Box-Helden, schulte ich mein Auge, mit Fachliteratur mein Wissen und mit Training mein Verständnis. Ich hatte schon in den frühen 1980er Jahren gemerkt, dass sogenannte Fachleute in den Medien nicht immer etwas von Boxen verstanden, sondern nur mehr Fachbegriffe kannten als der durchschnittliche Boxfan.

Boxen kein Ergebnissport

Mit den Jahren wurde mir auch bewusst, dass selbst die besten Boxer oder Trainer nicht automatisch die besten Experten im analysieren von Boxkämpfen waren. Ihr werdet mir beipflichten, dass das für fast alle Sportarten gilt, egal ob Fußball, Handball oder eben auch für den Boxsport. In regelmäßigen Abständen ärgere ich mich auch über die Kommentatoren verschiedener Medien. Und was ich heute teils von Uli Ebel und seinem Experten zu hören bekam, verursachte bei mir Bauchschmerzen. Ich finde, dass er als Kommentator beim Fußball einen guten Job macht. Daran habe ich als Fußballfan nichts auszusetzen. Aber Fußball ist ein reiner Ergebnissport, der an Toren gemessen wird und nicht wie beim Boxen von drei Punktrichtern bewertet werden muss. Beim Boxen ist das aber genau der Faktor der zählt, nämlich was die Punktrichter sehen oder ob einer der beiden Protagonisten sein Gegenüber vor dem Kampfende ins Land der Träume schickt.

10 Zentimeter sind eine kleine Welt

Und Boxkämpfe sind nicht leicht zu werten, besonders die schweren Gewichtsklassen nicht, wo die Kämpfertypen sich stark unterscheiden. Ein Tyson Fury ist alleine durch seine immense Körpergröße prädestiniert für einen Kampf aus der Distanz und für das Taktieren mit der Führhand. Das kann man zum Beispiel von einem gedrungenen Boxer wie Andy Ruiz Jr. nicht erwarten, da er nicht die Reichweite hat, um gegen zumeist größere Gegner den Takt vorzugeben. Ähnlich wie früher ein Mike Tyson, müssen diese Kämpfertypen schnelle Beine und idealerweise ordentlich Bums in den Fäusten haben. Ich erwarte von diesem Kämpfertyp auch mehr Körpertreffer, schwere Schwinger und öfter das Agieren am Mann, um sich der Reichweite des größeren Kämpfers zu entziehen. Jetzt war es zwar beim Duell zwischen Usyk und Chisora nicht so, dass der Engländer mit seinen 187 zu 190cm von Usyk der deutlich kleinere Mann war, aber durch seine Masse und Reichweite von 188 zu 198 cm nicht der Kämpfer sein konnte, der tänzelnd und leichtfüßig den Muhammad Ali im Ring geben konnte.

Zehn Zentimeter Reichweitenunterschied sind schon eine kleine Welt im Boxen. Im Kampf gegen den Ukrainer setzte der Engländer somit auf schwere Körpertreffer, mit denen er vor allem in den ersten vier Runden den ehemaligen Cruisergewichtler Usyk ordentlich durchrüttelte. Aber auch sein unkonventionell ausgeführter Jab war ein probates Mittel, um Usyk über die vollen Runden unter Druck zu setzen.

Usyk startet spät in  den Kampf

Erst ab der fünften Runde übernahm Usyk, der dafür bekannt ist, gemächlich zu starten, das Zepter. Die Beinarbeit und das Schlagrepertoire des Ukrainers sind eine Augenweide, halt die alte russischen Boxschule aus alten Sowjettagen, deren Stil sich in fast allen ehemaligen Staaten der zerfallenen Sowjetunion gehalten hat – auch in der Ukraine. Von diesem Usyk erwarte ich genau das was er gemacht hat, aber auch deutlich weniger Konter vom langsameren Gegenspieler mit der geringeren Reichweite. Doch Chisora traf fortlaufend zum Körper und auch zum Kopf und war ungewöhnlich beweglich zu früheren Kämpfen.

„Master mit Auszeichnung im Boxen“

Usyk, der als unumstrittener Cruisergewichts-Weltmeister aller vier bedeutenden Verbände (WBO, WBC, WBA, IBF) ins Schwergewicht aufstieg – übrigens der bisher einzige Boxer im Cruisergewicht, der die vier Titel vereinigen konnte – ließ sich meiner Meinung nach zu oft treffen, um seine Ambitionen auch im Schwergewicht zu untermauern, nämlich auch dort alle Titel zu vereinen. Der Gewinner der World Boxing Super Series (Muhammad Ali Trophy) von 2018 dürfte mit dieser Performance riesige Probleme gegen die Spitzenleute Anthony Joshua, Tyson Fury oder Deontay Wilder bekommen. Auch wäre ich gespannt darauf, wie sich Usyk gegen Athleten wie Joseph Parker, Andy Ruiz Jr. oder Aufsteiger Agit Kabayel macht. Das sind alles starke Kaliber. Und fast habe ich Alexander Povetkin vergessen, einer der die schon erwähnte alte russische Boxschule, hätte es einen Hochschulabschluss dafür gegeben, mit einem Master mit Auszeichnung abgelegt hätte.

Kommentator Uli Hebel und Experte Andreas Selak hatten fast nur Augen für Usyk. Jeder Treffer und jede Kombination wurden besonders erwähnt, seine Beinarbeit immer wieder hervorgehoben. Und was mich besonders stutzig machte, war das Unverständnis der beiden über zwei Punktrichter, die jeweils mit 115 zu 113 für Usyk gewertet hatten.

Aber warum?

Ich hatte Usyk wie erwähnt erst ab der fünften Runde aktiv auf dem Zettel, in den ersten vier Runden Chisora vorne gehabt. Insgesamt habe ich klare Runden bei Chisora vier und Usyk fünf Runden gezählt. In vielen weiteren Runden sah meistens der Ukrainer stilistisch besser aus, aber es waren keine glasklaren Runden von ihm dabei. Mehr war es der Kampf um die Gefechtskontrolle beider Kämpfer, die aber keiner von beiden erlangte.

Trotzdem: der Sieg von Usyk geht vollkommen in Ordnung. Es war verdient, aber nicht so klar wie es beide Herren gerne gesehen hätten. Die 117 zu 112 von dem einen Punktrichter wären der Idealverlauf für Usyk, also Punkte, die man ihm wohlwollend geben konnte, wenn man die Gewichtung der Punktvergabe auf saubere und schöne Aktionen legt und den vielen Jabs und Körpertreffern Chisoras nicht die Bedeutung beimisst, die sie eben meiner Meinung nach verdient hatten. Und beim Profiboxen auf internationaler Ebene ist auch wichtig, wer nach vorne geht und versucht den Kampf zu machen. Hier war Chisora insgesamt der aktivere Part.

Chisora mit guter Kondition

Und Hebel und Seslak redeten nach Runde fünf fortlaufend darüber, dass dem Engländer langsam aber sicher die Puste ausgehen würde. Aber tatsächlich habe ich konditionell noch nie so einen fitten Chisora gesehen, der die 12 spannenden Runden mitgehen konnte. Natürlich wurde er auch müder, aber nicht signifikant und wie vormals erwähnt, wurde Usyk ab Runde fünf aktiver und somit ging das Übergewicht an Aktionen von Chisora verständlicherweise verloren.

Von Propheten und selbst ernannten Experten 

Was mich aber  besonders ärgerte war, dass Hebel seine Meinung irgendwie als die einzige Wahrheit hinzustellen schien, zumindest war das heute Morgen mein Gefühl, vor allem weil er von selbsternannten Experten im Netz redete, ohne ins Detail zu gehen, ob er denn die Fans oder uns Journalisten von den kleineren Portalen und Blogs meinte. Gefährlich in der heutigen Zeit, Fans und anderen Kollegen die Fähigkeit abzuerkennen, einen Kampf werten zu können und sich damit als einzigen Propheten hinzustellen. Doch Vorsicht, das erleben wir aktuell auf politischer Ebene, wo nur noch selbsternannte Propheten meinen, jegliche Wahrheiten zu kennen. Das ist aber eine andere Geschichte.

Aber wie sagen wir bei German Fight News so schön: Keine Politik, nur Kampfsport.

Wir haben in der Box-Szene viele fähige Leute, die teils seit 60 Jahren den Boxsport in- und auswendig kennen und es verstehen, einen Kampf in seine Einzelteile zu zerlegen und zu analysieren.

Die Wahrheit von vielen Dingen liegt in der Mitte, vor allem im Boxen, wenn zwei Parteien etwas anders sehen.

Halten wir aber fest, dass Usyk nicht unverdient gewonnen hat, er aber noch viel Luft nach oben hat und Chisora nach dem Kampf etwas gesagt hat, das den Nagel auf den Kopf trifft, nämlich das man im Schwergewicht nicht nur boxen, sondern auch kämpfen können muss.

Den Kampf könnt ihr in der Wiederholung auf DAZN sehen.

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