KARNAS CORNER: Ein faires Draw mit einer Tendenz zu Golovkin

ANZEIGE

Nun, zuallererst muss ich sagen, dass ich falsch lag. Ja, so kann es gehen. Noch bin ich unsicher, ob Golovkin durchgewaschen ist, oder ob die Erwartungshaltung einfach zu hoch hängt: stilmäßig. Es gibt bei einem Halbdistanz-Banger wie Gennady keine Kekse, wenn der Gegner nicht einknickt. Zumindest ein Niederschlag, taumeln oder ähnliches muss drin sein. Big Drama Show, würde Golovkin sagen. Aber weder ist Canelo unter der reinen Kraft Golovkins eingeknickt, noch ist der Beschiss signifikant „durchgekommen“ auch wenn Adelaide Bird es versuchte. Ich versuche mal das Scoring und die Statistik in Einklang zu bringen.

Beim Scoren gibt es drei Kategorien, die je nach Aussagekraft und Unterscheidbarkeit der Kämpfer zur Bewertung hinzugezogen werden. Die effective Agressiveness, Ring Generalship, Verteidigung, aber all diese Punkte sind eigentlich dem eigentlichen Zweck unterzuordnen: dem Schlagen und vor allem dem treffen. Da man sich selten mit der Punktemaschine (auf die alte AIBA mäßige Art) die einzelnen Treffer genau mitzählt ist darüber natürlich innerhalb des Kampfes meist keine Transparenz. (Mache ich manchmal, in Nachbetrachtung eines Boxkampfes, wenn die Runden absolut ausgeglichen waren, und ich keine Haltungsnoten verteilen will, sondern die Nuance „Besserhaftigkeit“ herausfinden möchte.) In diesem Fall habe ich bislang nur den Eye-Test. Ich habe beim ersten Scoring ein Draw gehabt: Canelo hatte die Runden 1-4, 9 und 12. Beim zweiten Schauen schlug das Pendel dann eher Richtung Golovkin aus. Die erste Runde dann doch pro Golovkin, ich sah keinen Grund Sie Canelo zu geben, und auch die neunte nahm ich Canelo wieder weg. Hier nun meine zweite Card, die ehrlicherweise auch die Meinung meiner Frau enthält. Wenn es von Bedeutung ist: sie ist besser im aktiven Boxsport als ich:

Nun habe ich Compubox „danebengelegt“ und sehe Alvarez 5 Powerpunches (im Vergleich zu 2 bei GGG) treffen, während Golovkin 13 zu 5 (!) Jabs trifft. Das spiegelt den Verlauf wieder, Golovkin arbeitet mit dem Jab. Die Powerpunches richten nicht so viel Schaden an, dass Sie die Vielzahl/Dominanz der Führhände egalisieren können.

Zweite und dritte Runde gehen klar an Canelo. Nach meiner Card, die vierte auch, wobei Compubox hier eine andere Sprache spricht. Die Runde müsste eigentlich deutlich bei Golovkin sein – die schaue ich nicht nochmal, da ich sie zweimal gesehen habe und jeweils Canelo zugeordnet habe.

Die fünfte Runde ist eine klare Sache, hier trifft Golovkin eine Rechte, die auch eingedenk der Folgerunden ein Gamechanger ist. Jabs, Powerpunches sind bis zur neunten inklusive auf Golovkins Seite. Runde Neun hatte ich im ersten Scoring bei Alvarez – im zweiten Scoring sehe ich Sie „close but clear“ bei GGG. Runde 10 und 11 sind knapp bei GGG, wobei 11 auch an Alvarez kann. In 10 trifft Golovkin die vierfache Anzahl Jabs, bei nur 20% weniger Powerpunches, da liegt die Sache klar, obwohl er einmal durchgerüttelt wird und offbalance ist. Runde 11 ist ähnlich (ohne Wirkungstreffer) – also lasse ich beide bei Golovkin. Die 12. Runde gewinnt Alvarez deutlich, was auch die Compubox Daten wiederspiegeln.

Ich sehe hier also ein faires Draw mit einer Tendenz zu Golovkin. Wir hatten einen soliden Kampf mit teilweise offenem Visier und harten Treffern, viel Skill und einem Alvarez der überrascht hat, der kein (größeres) Problem hatte den Punch von Golovkin zu nehmen. Golovkin hatte von Runde 5 – 9 oder 10 das Momentum und es wirkte als würde meine Prognose aufgehen, aber Alvarez konnte in der letzten Runde stark zurückkommen. Also zwei Sachen fallen mir direkt auf, die Golovkin anders machen muss: die Rechte Grade hat Canelo mit Sidestep gelöst. Naja, Sidestep ohne Step; Alvarez pivotiert heraus (vergleichbar mit Miguel Cotto) und steht dann in einem anderen WInkel. Anstatt mit der rechten Graden, die häufig ins Leere ging, sollte er mal Maidana fragen, wie man einen unorthodoxen kurvigen Cross schlägt, der fast mit Handrücken trifft. Weiterhin hat Golovkin kaum zum Körper geschlagen. Diese Verliebtheit den Kopf zu treffen hat Ihn sicher eine der Champion Rounds gekostet. Die Gefechte am Ringseil waren eher schachartig und teilweise zögerlich.

Canelo, den man natürlich jetzt fürs „nicht-KO gehen“ und „die Power von GGG nehmen können“ lobt und welcher teils sehr gute Konterskills zeigte, und diese auch teilweise explosiv an den Tag legte kann man nur anraten häufiger vorwärts zu gehen. Er hätte einfach in vielen Runden noch eine Schlagkombination mehr zeigen sollen. Dabei ein wenig mit der Schlaghärte variieren, dann hätte auch der Zweite Angriff nicht sehr viel Luft geraubt.

Diese „Anmerkungen, Aufgaben“ addieren sich und bilden eine sehr gute Basis für das Rematch: Die genannten Punkte bedingen nämlich, dass beide weiter entsichern, und die Fäuste fliegen lassen. Wir freuen uns also auf ein Rematch mit heruntergelassenem Visier.